SPD-Ortsverein Friedrichstadt

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                                                                     Am Binnenhafen
                                                                

 

Von Würmern zerfressen - ein frühes Dokument zur Geschichte der Sozialdemokratie in Friedrichstadt

 

Herr Karl Michelson machte es freundlicherweise für uns lesbar …

                                                                                                                                                                                                                                                 

                           

 

Friedrichstadt, den 23/2 1892

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

 

Beifolgend erlaube ich mir, Ihnen die gewünschte Abschrift

der stenographisch fixirten Rede des socialist. Agitators Klüß=

Elmshorn über den Socialismus, zu überreichen, wobei ich mir

die ergebene Bemerkung gestatte, daß ich irgend welche

Garantie oder Verantwortung für die richtige oder wort­ge=

treue Wiedergabe nicht übernehme.

 

Binnen Kurzem werde ich mir noch erlauben, Ihnen

einen Jahresbericht über das V. [Ver]einsjahr unserer Stenographen-

... mit zu überreichen … … ich bei dieser Gelegenheit

die ganz gehorsame Bitte … …         

auf ferner Ihr geneigtes Wohlwollen bewahren zu wollen.

 

Von Ihrem Sohne Carl kann ich Ihnen die erfreuliche Mit­=

theilung machen, daß derselbe sowohl in der gewonnenen Schreib=

­weise, wie auch in der Systemkunde bemerkenswerthe

Fortschritte macht.

 

Ich empfehle mich Ihnen und zeichne

mit vorzügl. Hochachtung

H. T. Eilers

 

[Anmerkung von Herrn Michelson: Heinrich Thaden Eilers - war Buchhalter in der Brauerei, verheiratet
mit Auguste geb. Hinrichs]

 

                       

                                                                 Die Eiderbrücke

 

 

Dazu Berichterstattung aus dem Eiderstedter und Stapelholmer Wochenblatt, Nr. 20 v. Donnerstag,
d. 18. Februar 1892:

                                                        

                                        

 

(Oeffentliche Volksversammlung.) Gestern Abend [d.i. 17. Februar 1892] sprach vor einer recht zahlreichen Versammlung
(ca. 250 Personen, worunter gegen 25 Damen) der socialistische Agitator für unsere Provinz,
Herr Klüß=Elmshorn. Er führte die Anwesenden in die Ideen des Socialismus ein und bot ihnen
dann in ca. 1 ½ stündigem Vortrage eine genaue Uebersicht des Standpunktes der Socialdemokratie
und ihrer Ziele. Bei seinen Betrachtungen, die er an die Verlesung des socialistischen Parteiprogramms knüpfte, wurde
Opposition gemacht. Namentlich rief seine Darstellung über die Stellung der socialistischen
Partei zu dem Kriege und vor allem die Ansichten über den Krieg von 1870/71 riefen lebhaften
Widerspruch hervor. Nachdem dann Redner seinen Vortrag, der die Unhaltbarkeit des
gegenwärtigen Systems in Betreff der Anhäufung des Capitals und die Ausbeutung und
Unterdrückung der Arbeiterschaft beweisen sollte, zu Ende gebracht und zur freien
Diskussion aufgefordert wurde,  ersuchte Herr Lehrer Petersen
den Referenten, unter Zustimmung verschiedener Herren,
ein Bild vom socialistischen Zukunftsstaat zu geben. Natürlich konnte dies Herr Klüß nicht,
sondern suchte in wortreichen Phrasen seine und seiner Partei Unwissenheit darüber zu verbergen.
Nach verschiedenen Auseinandersetzungen darüber, in denen sich Herr Klüß zu keinem
noch so geringen Umriß des Zukunftsstaates herbeiließ,
wurde die Debatte seitens des einen Betheiligten mit den klassischen Worten:
„Mir wird von Allem dem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum!“ abgebrochen. Um den
Effekt jedoch für sich in Anspruch zu nehmen, citierte darauf Herr Klüß unter allgemeiner Heiterkeit
einen weniger bekannten dichterischen Erguß: „Die Socialdemokratie in ihrem Lauf hält weder
Ochs noch Esel auf!“ Mit diesem Ausspruch war der erste Punkt der Tagesordnung erledigt
und erhielt nach kurzer Pause zum zweiten Punkt, der Frauenfrage, Frau Kähler=Wandsbeck
das Wort. Rednerin gab in längerer Ausführung ein kulturgeschichtliches Bild über die Stellung
der Frau sowohl in alter wie neuer Zeit. An der Hand dieses zeigte Frau Kähler die
Pflichten der Frau, während sie zugleich ausführte, daß die Frau aller Rechte, die ihr aus diesen Pflichten erwachsen müssen,
beraubt sei. Am Schlusse forderte die Referentin die Zulassung der Frauen zu allen Berufszweigen,
Stimmrecht für dieselben in allen politischen und lokalen Angelegenheiten. Nachdem
Rednerin sich mit einem warmen Appell an die anwesenden Frauen und Mädchen gewandt und sie zum
Eintritt in die socialistische Partei, als der einzigen, welche die Frauenfrage in ihr Programm
aufgenommen, aufgefordert, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Socialdemokratie geschlossen.

Die Versammlung in Wesselburen hat folgendes Inserat gezeitigt: „Gesinnungsgenossen!
In der Versammlung am 15. waren an 400 Personen anwesend, wo Klüß und Frau Kähler
referirten und wohl von den meisten großen Beifall geerntet haben. Aber der Wirth H. Meister
ist unzufrieden. Wir haben ihm für Heizung und Beleuchtung 12 Mark 50 Pf.
geben müssen und er will jetzt keine öffentliche Versammlung mehr haben. Darum, liebe Genossen,
seid jetzt wach und helft ein Lokal suchen, wo wir doch gemeinschaftlich zusammen kommen können,
wo wir doch nicht so viel Geld verzehren brauchen.
Denn in einer Versammlung, wo doch 300 – 400 Personen ein- und ausgehen, daß da auch
Geld gelassen wird, liegt doch auf der Hand. Der Einberufer.“

 

 

Hans Peter Rohmann u Horst Petersen

im Oktober 2011

 

 

 
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